Wirtschaftsstandort Deutschland im Sinkflug: Wie bekommen wir die Kurve?

Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht vor großen Herausforderungen. 2025 droht das dritte Jahr in Folge einer rezessiven Phase zu werden. Dass diese Erkenntnis nicht nur in Wirtschaft und Industrie zu immer lauteren Forderungen eines politischen Gegensteuerns führt, sondern auch bei den politischen Entscheidungsträgern ganz oben auf deren Agenda steht, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Fakt ist: Die ökonomische Stabilität und der notwendige Aufschwung in unserem Land werden maßgeblich von Schlüsselindustrien abhängen, zu denen insbesondere die forschende Arzneimittelindustrie zählt. Unsere Branche trägt nicht nur erheblich zur Wertschöpfung bei, sondern ist auch ein Garant für Innovation und krisensichere Beschäftigung. Die Pharmaindustrie ist somit ein zentraler Pfeiler für die wirtschaftliche Transformation und die Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Damit ist klar: Gesundheitspolitik ist immer auch ein entscheidendes Stück Wirtschaftspolitik.

Wie weiter mit dem Wirtschafts- und Gesundheitsstandort Deutschland?

Um eine Trendwende hin zu einer wachsenden Wirtschaft zu erreichen, muss die Politik handeln. Die Pharmastrategie der Bundesregierung und das Medizinforschungsgesetz sind erste wichtige Meilensteine, die die forschende Arzneimittelindustrie als Leit- und Schlüsselbranche anerkennen. Diese Initiativen setzen ein klares Signal und zielen auf verlorengegangenes Vertrauen ab, indem sie verlässliche Rahmenbedingungen für Innovationen schaffen. Wir fordern, dass diese Maßnahmen auch in der neuen Legislaturperiode konsequent weiterverfolgt und ausgebaut werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass innovative Medikamente Patient:innen in Deutschland auch weiterhin schnell zur Verfügung stehen.

Worauf sich die Politik jetzt fokussieren sollte, sind investitions- und innovationsfreundliche Marktbedingungen. Hier sehen wir in unterschiedlichen Feldern großen Handlungsbedarf. Ein besonders wichtiges ist unser Preisbildungssystem für Medikamente: Die schnelle Versorgung der Patient:innen mit neuen Arzneimitteln sowie die nachhaltige Finanzierung dieser Innovationen waren seit Einführung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) im Jahr 2011 eine Stärke des hiesigen Gesundheitssystems. Nach dem Gesetz werden die Preise für neue Arzneimittel in Deutschland basierend auf ihrem Zusatznutzen mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen verhandelt. Ein sinnvoller und bewährter Ansatz: Menschen können bisher hierzulande so früh wie in keinem anderen europäischen Land mit neuen, innovativen Medikamenten behandelt werden. Auch deshalb gilt das nutzenbasierte Preisfindungsverfahren international als Vorbild.

Doch die Vorbildwirkung bröckelt und ohne eine mutige Reform werden wir den Anschluss an den medizinischen und technologischen Fortschritt sowie unsere europäische Vorreiterrolle bei der schnellen Versorgung mit Arzneimittelinnovationen verlieren. Das AMNOG ist in die Jahre gekommen und nicht mehr zukunftsfest. Es ist zu starr, zu reguliert und nicht geeignet um neue Optionen wie beispielsweise Gentherapien zu bewerten. Aber auch bei der Bewertung von chronischen Erkrankungen zeigt das System Defizite. Hier laufen wir Gefahr, dass immer mehr Innovationen keinen Weg auf den deutschen Markt finden, da das Korsett, in dem die Medikamente bewertet werden und in dem Krankenkassen und Unternehmen miteinander verhandeln, immer enger und bürokratischer wird. Das wird den medizinischen Fortschritt in Deutschland in absehbarer Zeit abwürgen. Deshalb brauchen wir eine entschlossene Reform des AMNOG, die Innovationen und Investitionen in Deutschland absichert.

„Leitplanken“ und Kombinationsabschlag gefährden das Ziel einer guten Patientenversorgung

Besonders wichtig erscheinen uns bei der Reform des AMNOG zwei Punkte, die das bewährte System aktuell aushebeln: Waren höhere Arzneimittelpreise ursprünglich gerechtfertigt, wenn der G-BA für neue Therapieoptionen einen Zusatznutzen festgestellt hat, bricht das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz durch neue Preisbildungsvorgaben und Maßnahmen wie „Leitplanken“ und Zwangsabschlag auf Medikamentenkombinationen mit dem Prinzip der nutzenbasierten Preisbildung. Das ist fatal, denn „Leitplanken“ und Kombinationsabschlag erschweren nachweislich den Zugang zu innovativen Arzneimitteln, gefährden das Ziel einer guten Patientenversorgung und mindern die Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts Deutschland. Damit unterminieren sie einen zentralen Standortvorteil, den das hiesige Preisbildungssystem für Medikamente viel Jahre lang bot.

Die „Leitplanken“ und der Kombinationsabschlag müssen abgeschafft werden. Aus unserer Sicht sind bei der Preisfindung mehr Flexibilität und weniger Regulierung notwendig. Denn: Flexiblere Nutzenbewertungen (z.B. Beitrag zur Patientenversorgung), dynamische Erstattungsmodelle (z.B. Pay-for-Performance), die bessere Berücksichtigung neuer Therapiekonzepte (z.B. Gen- und Zelltherapien) und eine faire Nutzenbewertung der Behandlung chronischer Erkrankungen könnten den Innovationsstandort Deutschland stärken. In diesem Kontext mahnen wir auch an, stärker die gesamtwirtschaftlichen Kosten von Erkrankungen zu berücksichtigen und nicht isoliert auf einzelne Arzneimittelpreise zu fokussieren. Wir glauben, unser Gesundheitssystem kann nur dann leistungs- und damit zukunftsfähig bleiben, wenn wir Gesundheit holistisch betrachten, deutlich stärker in Prävention investieren und Arzneimittelkosten den mittel-bis langfristigen Kosten gegenüberstellen, die durch Begleit- und/oder Folgeerkrankungen verursacht werden. Übergeordnetes Ziel muss deshalb sein, wettbewerbstaugliche Standortbedingungen, faire, zeitgemäße Nutzenbewertungen und den bezahlbaren Zugang zu innovativen Arzneimitteln wieder besser zu vereinen.

Fazit

Um im globalen Wettbewerb erfolgreich sein zu können, brauchen wir verlässliche politische Rahmenbedingungen und ein Umfeld, in dem die forschende Arzneimittelindustrie als Leitindustrie verstanden wird. Wichtig sind uns deshalb zielgerichtete, parteiübergreifende Ansätze, die sich am gemeinsamen Erfolg orientieren und uns als Land wieder voranbringen. Ziel einer konkurrenzfähigen Wirtschafts- und Gesundheitspolitik sollte die bestmögliche Versorgung von Patient:innen in Deutschland sein. Dafür bedarf es einer ganzheitlichen Strategie, die wettbewerbstaugliche Standortbedingungen und den bezahlbaren Zugang zu innovativen Arzneimitteln wieder besser vereint. Wir bei Lilly haben immer unsere Gesprächsbereitschaft betont. Wir glauben, die großen Herausforderungen im Gesundheitsmarkt können wir nur im Schulterschluss aller Akteure des Gesundheitswesens lösen und plädieren deshalb für das gemeinsame Vorantreiben einer tragfähigen Strategie für die pharmazeutische Schlüsselindustrie.

Dieser Artikel wurde von der Lilly Deutschland GmbH gefördert: PP-MG-DE-1982